Liebe Leserinnen und Leser,
mit dieser aktualisierten zweiten Ausgabe der Broschüre “Chronologie der kurdischen Geschichte” haben deutschsprachige Leserinnen und Leser eine neue Publikation in der Hand, die in chronologischer und übersichtlicher Form versucht, die relativ wenig erforschte und oft widerspruchsvolle Geschichte der KurdInnen und Kurdistans mit den wichtigsten Ereignissen wieder zu geben.
In den vergangenen Jahren und Jahrzehnten ist zu diesem Thema einiges publiziert worden; doch fehlt eine Quelle, die einen kompakten, aber nicht zu kurzen Überblick gibt oder relativ schnell zu den verschiedenen Entwicklungen in der Geschichte mit den wichtigsten Aspekten informiert. Der Anlass, diese Broschüre zu verfassen und sie jetzt aktualisiert und erweitert herauszugeben, kommt aus der ständig wachsenden Nachfrage, mit der wir konfrontiert sind. Die Nachfrage kommt zum einen von deutschsprachigen Europäern und zum anderen von den KurdInnen in Europa selbst. Dabei handelt es sich um junge und in Europa aufgewachsene KurdInnen, für die die deutsche Sprache die bestbeherrschte ist.
An dieser Stelle soll betont werden, dass diese Broschüre trotz des Umfangs nicht den Anspruch vertritt, die Geschichte zu den KurdInnen und zu Kurdistan vollständig und in allen Zusammenhängen wiederzugeben.
Diese zweite Ausgabe hat auch die neuesten Forschungen zur Geschichte der KurdInnen, Kurdistans und des Mittleren Ostens mit eingearbeitet, vor allem die Thesen zur Herausbildung der Hochkulturen bzw. Klassengesellschaften im Fruchtbaren Halbmond und in Mesopotamien. Auch sind viele neue Informationen zu den kurdischen Fürstentümern vom Mittelalter bis zum 19. Jh. hinzugefügt und die kritischen Ereignisse während des ersten Weltkrieges und in den anschließenden Jahren neu und umfassender beleuchtet worden.
Grundsätzlich ist zur Erforschung der Geschichte der KurdInnen und Kurdistans festzuhalten, dass es im Vergleich zu anderen Kulturen und Ländern außerordentlich schwierig ist, sie umfassend und möglichst genau darzustellen. Denn die KurdInnen hatten nie ein eigenes staatlich gebildetes Wesen, konnten sich selten selbst regieren und wurden fast immer unterdrückt. Daraus folgend gab es bis vor kurzem keine fundiert arbeitende Institutionen und Forschungsstätten, die sich damit tiefgehend wissenschaftlich auseinandersetzen konnten. Erst in den vergangenen zwei Jahrzehnten haben sich kurdische Institute oder andere Einrichtungen gebildet, die umfangreiche Forschungen aufgenommen haben. Diese befinden sich jedoch weitgehend am Anfang. So sind wenige Quellen zu den KurdInnen bekannt oder zugänglich; viele Quellen werden höchstwahrscheinlich von der Türkei, vom Iran und Syrien aus politischen Interessen der Öffentlichkeit vorenthalten. Ein anderer wichtiger Aspekt für diese Schwierigkeit liegt darin, dass bis zur arabisch-islamischen Eroberung Kurdistans die Stämme/Völker/Kulturen selbst an Quellen nichts hinterlassen und die Begriffe “Kurden” oder “Kurdistan” (fast) nie benutzt haben. So verwendeten die bekannten und weniger bekannten Vorgänger der KurdInnen Bezeichnungen ihrer Stämme, Regionen oder gar andere.
Die verschiedenen Thesen zur Abstammung der KurdInnen sind nach wie vor umstritten, doch kann auf der Basis der neuesten Forschungen davon ausgegangen werden, dass die KurdInnen heute die Nachfahren der im nördlichen und mittleren Zagros-Gebirge und im und um das Osttaurusgebirge lebenden Stämme und Gemeinschaften sind. Das heißt, sie lebten im Großen und Ganzen schon immer dort, wo sie sich heute befinden. Natürlich sind im Laufe der Geschichte viele verschiedene Völkerschaften durch Kurdistan gezogen und haben sich dabei auch teilweise niedergelassen. Auch sind viele KurdInnen bzw. proto-KurdInnen aus ihrem Siedlungsgebiet in andere Regionen des Mittleren Ostens gezogen, oft jedoch unfreiwillig. Auf jeden Fall können die KurdInnen nicht als eine “ethnische Gruppe” betrachtet werden (was übrigens weltweit für viele “Ethnien” gilt). Sie verkörpern die Erben der Kulturen, die in Kurdistan leb(t)en bzw. sich angesiedelt haben. Um die kurdische Gesellschaft, in der die Stämme und Klans immer stark waren und noch zum großen Teil sind, zu verstehen, muss das Neolithikum, was die aus Großfamilien und Stämmen bestehenden Dorfgemeinschaften hervorbrachte, genau betrachtet werden. Die KurdInnen tragen heute immer noch viele Eigenschaften dieser Zeit und kommen sehr schwer von darauf basierenden Denkweisen los.
Wiederum ist zu betonen, dass die KurdInnen in der Geschichte fast immer sich in die jeweiligen herrschenden eingebracht und nicht für ihre Selbstständigkeit gekämpft haben. So haben z.B. viele für die Welt- bzw. Regionalgeschichte bedeutende Personen im Namen der Osmanen/Türken, Araber/Moslems und Perser/Safawiden/Iraner gehandelt und dabei die Fragen der eigenen Gesellschaft ignoriert. Nicht wenige sind weiter gegangen und haben ihre eigene Bevölkerung verraten und gegen Freiheitsbestrebungen der KurdInnen aktiv eine Rolle eingenommen. Die Kollaboration mit den herrschenden Mächten hat leider eine tiefe Tradition bei den KurdInnen. Aber ebenso verbreitet waren Widerstände unter den KurdInnen. Diese Widerstände sind in den letzten Jahrzehnten organisierter und erfolgreicher geworden. In Süd-Kurdistan (Irakisch-Kurdistan), aber auch immer mehr in Nord-Kurdistan (Türkisch-Kurdistan) erreichen die KurdInnen langsam immer mehr gewisse Errungenschaften. In keinem der drei Staaten Türkei, Iran und Syrien wird die kurdische Identität und Kultur heute anerkannt; nach wie vor gibt es sie offiziell nicht. Diese drei Staaten schließen sich seit einigen Jahren noch mehr zusammen, um die Bestrebungen der KurdInnen zu unterdrücken.
Auf Basis dieser Betrachtungen haben wir in dieser Arbeit etwas weit ausgeholt und mit der Entstehungsgeschichte der ersten sesshaften Gemeinschaften und der Hochkultur in und um Mesopotamien angefangen. Oft wurde auch immer ein kleiner Überblick über die allgemeinen Entwicklungen in den Staaten/Ländern gegeben, damit die Entwicklungen in Kurdistan besser verstanden werden können. In anderen Worten: Die Geschichte der KurdInnen muss immer in engem Zusammenhang mit den sie beherrschenden Staaten betrachtet werden.
Serhat Kavak
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